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Mit beiden Beinen fest im Regen stehen

Blog

[26. Oktober 2022]

Mit lausigen Schritten plätschere ich die Straße entlang. Die Pfützen lassen keinerlei Grazie zu. Meine Blasen an den Füßen auch nicht. Gibt es eigentlich noch Schuhe, die schön und funktional zugleich sind? Gelbe Gummistiefel können niemals die Lösung sein. Auch wenn der Rinnsal neben mir an der Ampel ein hämisches Grinsen formt, bevor er sich in den dampfenden und stinkenden Abfluss übergibt. Was zur Hölle habe ich eigentlich dem Regen getan, dass er so aggressiv auf den Boden schlägt? Nur ums dann, gemischt mit Motoröl und Kippenwasser, auf meinen Viskoserock zu schaffen?

In meinem Bauch ballt der Neid auf die Frau neben mir seine Faust, weil es ihr egal ist, dass das Sammelsurium von gummibeschichteten Materialien an ihrem Körper weder formschön ist noch sonst wie kommuniziert, ästhetischen Ansprüchen genügen zu wollen. Die einzige Message, die ihre Kleidung an mich richtet: Ich werde zumindest nicht nass, du eitles Stück. Schmollend runzle ich die Stirn, als ich mich mit tropfendem Rocksaum an ihr vorbeischiebe. Aus Rache versuche ich ein paar Extraregentropfen von meinem Schirm davon zu motivieren, sich in Arschbomben-Manier auf sie fallen zu lassen. Aber ihr Regenmantel zeigt mir nur den imprägnierten Mittelfinger.

Gegenüber springt währenddessen ein Typ in kurzer Hose und Flipflops übers Tram-Geländer. Er steht wenigstens dazu, falsch angezogen zu sein: Seine Haare hängen strähnig ins Gesicht, einzelne Tropfen hangeln sich von den Spitzen zu seinen Augenbrauen und münden anschließend im Bart. Zwischen der Schaumstoffsohle und seinen nackten Füßen formieren sich bei jedem Schritt quietschende Töne. Der Klang modischer Freiheit.

Kurz überlege ich, ihm in den Widerstand zu folgen und meinen Regenschirm einfach einzuklappen. Da lässt mich ein Windzug durch meine klitschnassen Merinowollesocken in den unbequemen Plateau-Mary-Janes an das letzte Mal 40 Grad Fieber im Bett denken: mit schuppig-trockener Nase und neun Tage lang ungewaschenen Haaren. Doch noch bevor meine Gedanken ein positives Argument für Funktionskleidung zulassen können, öffnet die Tram ihre Türen. Vielleicht rettet sie mich so nicht nur vor dem Regen, sondern auch vor dem sicheren Stil-Suizid.

[Prenzlauer Berg, Sommer 2020]

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