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Im Regen stehen lassen

Blog
[Prenzlauer Berg, Sommer 2020]

Mit lausigen Schritten plätschere ich die Straße entlang. Meine Blasen lassen keinerlei Grazie zu. Gibt’s eigentlich noch Schuhe, die schön und bequem sind? Gummistiefel können niemals die Lösung sein. Auch wenn der Rinnsal neben mir an der Ampel ein hämisches Grinsen formt, bevor er sich in den dampfenden und stinkenden Abfluss übergibt. Und was zur Hölle habe ich eigentlich dem Regen getan, dass er so aggressiv auf den Boden schlägt – nur ums dann gemischt mit Motoröl und generationsübergreifendem Auswurf auf meinen Viskoserock zu schaffen? In meinem Bauch ballt der Neid auf die Frau neben mir seine Faust, weil es ihr egal ist, dass das Sammelsurium von Stoffen an ihrem Körper weder formschön noch aus irgendeinem anderen Grund ansehnlich ist. Die einzige Message, die Ihre Kleidung an mich richtet: Ich werde nicht nass, du eitles Stück. Schmollend runzle ich die Stirn, als ich mich an ihr vorbeischiebe. Aus Rache versuche ich ein paar Extraregentropfen von meinem Schirm davon zu überzeugen, sich in Arschbombenmanier auf sie fallen zu lassen. Ihr Regenmantel zeigt mir nur den Mittelfinger. Gegenüber springt währenddessen ein Typ in kurzer Hose und Flipflops übers Tram-Geländer. Er steht wenigstens dazu, falsch angezogen zu sein: Seine Haare hängen strähnig ins Gesicht, einzelne Tropfen hangeln sich von Spitzen zu Augenbrauen und münden anschließend im Bart. Zwischen der Gummisohle und seinen nackten Füßen formieren sich quietschende Töne bei jedem Schritt. Kurz überlege ich, der Frau im gelben Gummigewand meinen mental-modischen Mittelfinger zu zeigen, indem ich’s dem strähnig-quietschenden Typen gleich mache und meinen Regenschirm einklappe. Doch ein Windzug durch meine klammen Merinowollesocken in den unbequemen Plateau-Mary-Janes lässt mich an das letzte Mal 40 Grad Fieber im Bett denken: mit schuppig-trockener Nase und neun Tage lang ungewaschenen Haaren. Dann denke ich daran, dass der Rock, den ich gerade trage, nach diesen neun Tagen deutlich lockerer in der Taille saß. Und dann öffnet die Tram ihre Türen und rettet mich vor dem sicheren Stil-Suizid.

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© 2020 Anne Tröst. Alle Rechte vorbehalten.