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Feste feiern wie Kleider fallen

Blog
[Prenzlauer Berg, Winter 2020/21]

Es gibt Anlässe, die ein Kleid verlangen. Und es gibt Kleider, die einen Anlass verlangen. Die letzteren trägt man selten zum Erstgenannten. Und die ersteren kneifen meist unter den Achseln und laden unsere Haare statisch auf. Trotzdem sieht man sie öfter. Denn es gibt mehr Anlässe als Kleider, die welche verlangen. Jene nämlich sind modische Einhörner, die ebenso immun gegen Feuer und Gift machen; ganz im Gegenteil sogar, Discokugeln und Whiskey Sours heizen ihnen erst so richtig ein. Da kommt der Schwips schon beim Zipper-Zuziehen. Und weil auf unausgesprochene Worte Untaten folgen, muss so ziemlich schnell und ohne Weiteres eine Festlichkeit her, die dem Kleid gerecht wird. Mit einem sich leerenden Glas wählt man sich dann die Finger wund, nur um festzustellen, dass gerade weder der letztes Tag des Jahres noch die eigene Hochzeit gefeiert wird. Aber das Glas ist ja nicht nur halb leer, sondern auch halb voll, also wählt man weiter – so lang, bis am Ende gar keiner mehr rangeht und man die Musik lauter dreht und das Glas noch mehr halb voll schenkt. Dann singt Marianne aus der Bluetooth-Box schon wieder über Paul McCartney und die Hüfte setzt sich durch und kümmert sich nicht um die Nachbarn gegenüber am Fenster. Ohne Brille, dafür mit ordentlich Dioptrien wird Kerzenschein beim Um-die-eigene-Achse-Drehen zum Leuchtzeichen und das Klopfen der anderen Nachbarn mit etwas Glück im Takt zur Bassline. Den letzten Schluck prostet man sich mit der tanzenden Frau im heißen Paillettenkleid in der Fensterscheibe zu und sagt allen, die nicht da sind, aber sicher gern gekommen wären und doch eine Menge verpasst haben, gute Nacht, während einem auf dem Weg ins Schlafzimmer die Spaghettiträger mal die Schulter runterrutschen können. Der nächste Morgen begrüßt einen mit einem Silvester-würdigen Kopfschmerz, Pailletten lassen sich im Bett wie im Zahnputzbecher finden und irgendwie zieht da was in der Seite. Kaffee ist die altbekannte Rettung, die – auch altbekannt – nie rettet, sondern alles noch mehr wanken lässt und Sonnenlicht in der Theorie eine gute Idee, in der Realität dann aber einfach zu hell. Man fragt sich, was gestern eigentlich war und wie alles so eskalieren konnte und warum man nicht früher gegangen ist und wieso man eigentlich nie weiß, wann Schluss ist. Und das fabelhafte Kleid hängt brav auf dem Bügel und zuckt ahnungslos spielend mit den Spaghettiträgern.

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© 2020 Anne Tröst. Alle Rechte vorbehalten.