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Bademantelententaschen

Blog
[Barleben, Sommer 2020]

Oma Gisela trug Schürze. Das war praktisch, um Wäscheklammern griffbereit zu haben. Und für Taschentücher. Und falls sie mal ein Küken auf ihrem Hof fand, passte das dort auch ganz bequem rein. Vor der Entenmutter hob sie es dann behutsam heraus, sprach ein paar zutrauliche Worte mit ihrem ostpreußischen Akzent und setzte es auf den Boden, damit es zu seinen Geschwistern taumeln konnte. Ihre Schürzen retteten Leben. Der rosafarbene Bademantel mit Satin-Schalkragen war anders. Den hatte sich Oma Gisela für sich gekauft – und mich damit überrascht, als sie ihn einmal morgens trug, um die Enten auf den Hof zu lassen. Opa Herbert hatte sein Gesicht auch ganz erstaunt verzogen. Sie hatte mit diesem Bademantel etwas ganz Apartes, das so gar nicht ins Umfeld passte. Und das liebte ich. Jahre später fand ich den rosafarbenen Bademantel mit Satin-Schalkragen dann in Geschenkpapier gewickelt unter dem Weihnachtsbaum. Ich trug ihn exzessiv – noch lang nach ihrem Tod: Einmal ging ich in ihm sogar in Moabit Milch holen. Bis ich ihn mit einer dunkelblauen Socke in die Waschmaschine steckte. Aber die Erinnerungen an all die geretteten Enten und das Versteckspielen im kniehohen Löwenzahn und die Regentage in zu großen Gummistiefeln und das Lesen auf dem Heuboden und die Flauschigkeit von Baby-Kaninchen in meinen Kinderhänden und meinen Kater in meinem Puppenwagen, die blieben.

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© 2020 Anne Tröst. Alle Rechte vorbehalten.