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Anwendungsorientierte Aufmachungen

Blog
[Rügen, Sommer 2020]

Ich glaube nicht an praktische Kleidung. Wenn ich mir erst etwas Bestimmtes anziehen muss, um etwas Bestimmtes zu tun – sollte ich das dann wirklich tun? Und vielmehr noch: Sollte ich das dann wirklich anziehen? Wie praktisch kann schon etwas sein, wenn ich es, wie Wanderstiefel etwa, erst dehnen, einlaufen und traditionell-fragwürdigen Mythen zufolge mit körpereigenen Ausscheidungen befüllen soll, damit es seine Praktikabilität unter Beweis stellen kann und am Ende doch für Blasen an den kleinen Zehen sorgt. Das sei ja beim ersten Mal Tragen immer so. Wäre der Fußmarsch in Riemchensandaletten mit strassbesetztem Blockabsatz da nicht ehrlicher? Außerdem stelle ich mir oft vor, besonders in der grünen Wildnis, abgeschieden von betonierter, schaufenstergesäumter Zivilisation, wie man mich nach einem plötzlichen Tod durch die Attacke eines tollwütigen Eichhörnchens vorfinden würde: Der Gedanke, in Leggings und an den Ballen verstärkten Socken gestorben zu sein, beängstigt mich. Im schlimmsten Fall würde ich darin dann im Jenseits weiterleben müssen; für mich die reinste Hölle.
Was mich allerdings immer wieder freudig überrascht, sind Overknee-Stiefel, die so bequem sind wie meine Lammfell-Puschen für Sonntage, oder 80er-Jahre-Pailletten-Kleider aus Acapulco, in denen Staubsaugen und Zum-Lieblingssong-um-die-eigene-Achse-Drehen gleichermaßen leicht von der Hüfte geht. Denn im Umkehrschluss kann ich auch keine Lebenszeit vergeuden mit kneifenden Bünden, die mich noch vor dem Dessert zum Stoppen zwingen. Oder mit dem Abwägen, ob ich die Schuhe heute wirklich anziehen kann – denn das wäre abhängig von der Außentemperatur, die meine Füße beim Überschreiten von 25,7 Grad Celsius um eine dreiviertel Nummer anschwellen lässt.
Für mich ergibt sich aus dieser lebensnahen Studie die logische Konsequenz, dass der heilige Gral textiler Ummantelung, also die vielleicht wirklich praktische Kleidung?, jene Teile sind, in denen wir uns wie wir selbst fühlen und für jedes Abenteuer gewappnet sind – selbst wenn es das letzte sein sollte; oder auch nur Staubsaugen.

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© 2020 Anne Tröst. Alle Rechte vorbehalten.